Wenn der Soziologe Zygmunt Bauman in seinem Buch «Liquid Modernity» Flüchtigkeit und Flüssigkeit als Metaphern verwendet, um das Spezifische unserer Gegenwart zu beschreiben, entwirft er das Bild einer fluiden Welt, in der – unter anderem beeinflusst durch Globalisierung, Migration, Digita-lisierung und Klimawandel – Stabilität, feste Zugehörigkeiten, Bezüge und Normen, rasch voranschreitenden Veränderungs-prozessen und grenzüberschreitenden Durchlässigkeiten weichen. Wenn etwas fluid ist, wandelt es sich ganz allgemein ge-sprochen im Gegensatz zum Festen und Beständigen kontinuierlich, es formiert sich im Dazwischen und ist momenthaft und flüchtig. Das die von Bauman beschriebene fluide Lebensreali-tät, in der wir uns bewegen, vielfältige Chancen und Herausfor-derungen auf die Gestaltung unser Umwelt und die Konstruk-tion unserer Identitäten hat, versteht sich von selber. So müssen nicht nur Websitelayouts sich flexibel an das Endgerät ihrer Benutzer:innen adaptieren, urbane Räume durchlässig, multifunktional und von unterschiedlichen Akteur:innen nutzbar oder Institutionen agil sein, um auf Verän-derungen zu reagieren, sondern auch von uns Menschen wird eine grösstmögliche situationsbezogene Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Bedingungen verlangt. Fluidität liegt als Thema in der Luft und bietet sowohl als Auseinandersetzung mit flüssigen und flüchtigen Materialphänomenen als auch als Konzept inhaltlich sowie gestalterisch ein enormes Potential. Unsere Schüler:innen haben dieses Potential in ihren Abschlussprojekten in ganz unterschiedlicher Weise ausgelotet und befragt.
VALÉRIE AFANGBEDJI geht in ihrer Videoarbeit «Traces» der Frage nach ihrer Herkunft und Zugehörigkeit nach. Als Tochter eines togolesischen Einwanderers und einer Schwei-zerin kennt sie sich damit aus, verschiedene kulturelle Ein-flüsse in sich zu vereinen. Valérie Afangbedji lässt uns daran teilhaben, wie sie anhand von Reisen nach Togo mitgebrach-ten Objekten und Situationen aus ihrem Alltag versucht, den kulturellen Verflechtungen ihrer Identität näherzukommen. Im Video sieht man zum Beispiel, wie sie mit ihrer Schwester ein von ihrem Vater zubereitetes Gericht isst oder wie ein auf einem schwarzen Schemmel stehender Tintenstrahldrucker ein Dokument druckt. Der Drucker bildet zusammen mit dem aus Holz geschnittenen Taburett, das in Togo heilig ist und nur für wichtige Zeremonien oder Feste benutzt wird, ein sonderbar stimmiges Gebilde.
LEONARD EHRENZELLER lässt in seiner Rauminstallation «Grissini volanti» Kindheitserinnerungen anklingen. Die aus Ton gepressten, glasierten Murmelbahnrampen schlängeln sich schwebend durch den Raum. Rollen die von den Betrach-tenden in Gang gesetzten Murmeln hinunter, wird die Murmelbahn zum Klanginstrument, es ertönt ein fliessendes Zirren, das durch das ganze Gebäude hörbar ist.
SOPHIE WAGNER übergiesst, taucht und füllt in ihrer Arbeit «Soft» verschiedene Alltagsmaterialien wie Wollfäden, Kniestrümpfe und nicht aufgeblasene Luftballons mit Gips und flüssigem Wachs. Ihre durch Materialexperimente entstande-nen Objekte hängen tropfenartig von der Decke und stehen – manche erinnern an Stalagmiten – auf einem Sockelelement. Die fliessende sich mit den Trägermaterialien verbindende Masse aus Gips oder Wachs ist zu festen Körpern erstarrt, de-ren Oberflächen weich wirken und von Prozess des Herunterrinnens erzählen.
Marietta Schenk




Fiona Blum / Jamina Schneider – Tranquilsphere
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