Berufsmaturität

CARE, 2024

Was haben ausgenommene, auf Finger aufgespiesste Fische mit CARE zu tun?


Das englische Wort CARE ist wie eine komprimierte ZIP-Datei. Oder wie eine kleine FIRST AID Box, die beim Öffnen mindestens doppelt so viele Utensilien zum Vorschein bringt, als man beim blossen Anblick vermutet hätte. Eine Fülle deutscher Begriffe fächert sich auf, sobald das ZIP-File entpackt ist: Sorge, Fürsorge, Betreuung, Mühe, Sorgfalt, Vorsicht, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Empathie ... CARE reicht von der individuellen Selbstfürsorge bis zur kollektiven Verantwortung für soziale, politische und ökologische Belange. Ein grosses Thema also.


CARE ist plötzlich überall, seit wir dieses Abschlussthema lanciert haben. Vielleicht sind wir auch sensibilisierter als zuvor? Eine Krankenversicherung ruft uns von Plakaten im Weltformat zu: Umarme, es beruhigt! Oder: Weine, es befreit! Die Versicherung scheint sich um unsere mentale Gesundheit zu sorgen – oder geht es am Ende doch nur ums Geld?


Doch nun zu den Fischen: Lisa Björk (HETRI PEIL) reflektiert in ihrer Arbeit ihr Verhältnis zum Fleisch- bzw. Fischkonsum. Sie spricht von der kognitiven Dissonanz: Wir lieben das rechteckige, sauber verpackte Stück Fleisch, und wir verdrängen die oft rücksichtlose Massen-Tierhaltung.


Lisa hat sich vorgenommen, mit ihrem Papa fischen zu gehen, um den Prozess des Fangens, Ausnehmens und Kochens bewusst zu erleben. Und um den gebratenen Fisch am Ende des Tages so richtig zu geniessen und wertzuschätzen.


Sie dokumentierte den Tag mit der Kamera. Entstanden sind viele Fotos und schliesslich zwei Poster. Und die Erkenntnis, dass es nicht nur um die Fische ging. Sondern auch um die kostbare Zeit, die sie mit ihrem Papa verbracht hat. Während der Köder geduldig auf sein Opfer wartete, konnten die beiden ausgiebige Gespräche führen, die im durchgetakteten Alltag oft zu kurz kommen.

Um Gespräche geht es auch in der Arbeit von Julien ­Libiszewski. Er hat im unterirdischen Atrium des Campus einen Raum gebaut, die CARE-BOX. In diesem Setting hat er mit Mitschüler:innen Gespräche zum Thema CARE geführt und daraus einen zweistündigen Podcast zusammengeschnitten. In den ehrlichen Unterhaltungen geht es wiederholt um das persönliche Befinden in der stressigen Zeit am Ende des Jahres, wenn die Abschlussprüfungen anstehen. Und um mögliche Methoden, damit umzugehen: Ein kurzes Bad in der winter- und frühlingskalten Aare sei Selfcare pur, so hören wir von einem Gesprächspartner. Körper und Geist, sofort in einen Kälteschock versetzt, erfahren einen wohltuenden RESET-Moment. Und das Schöne daran: Das Aare-Ritual wurde in der Klasse gemeinsam lanciert und wöchentlich gepflegt. Schliesslich ist der Fluss nur einen Steinwurf von der Schule entfernt.


Nicht nur davon heisst es nun Abschied zu nehmen. Mit dem BM-Abschluss in der Tasche ziehen die jungen Leute weiter, sie arbeiten, studieren oder reisen.


Wir sind ziemlich sicher, dass in diesem Jahrgang Freundschaften fürs Leben entstanden sind. Auch wenn sich die Lebensmittelpunkte verschieben: Vielleicht treffen sich Einige weiterhin ab und zu zum gemeinsamen Bad in der Aare ...

Wir wünschen den Absolvent:innen alles Gute für die Zukunft- Und: TAKE CARE!


Sibylla Walpen

Lisa Bjoerk – Hetri Peil

Die beiden Plakate stehen im Dialog miteinander. Die Hand meines Vaters. Meine Hand. Zwei Bachforellen. Wir halten stolz die Fische nach unserem erfolgreichen Fang in die Kamera. Ein Arrangement von vierLebewesen. Papa und ich verbringen nun mehr Zeit miteinander. Wir haben ein gemeinsames Projekt, ein gemeinsames Ziel. Wir angeln, wir unterhalten uns, wir töten die Fische, entfernen ihre Innereien und stehen im Fluss. Meine kognitive Dissonanz bezüglich des Töten und Verzehren eines Tieres verschwindet langsam. Es tut gut, sich wieder Zeit füreinander zu nehmen, nicht nur abends erschöpft vom Tag, sondern gemeinsam am Flussufer zu stehen. Petri Heil oder Hetri Peil! Ich wünsche uns einen guten Fang.

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